17, Oktober, 2009

60 minus x

Ich hatte mir bereits das „Fahrgastrechte-Formular“ der Deutschen Bahn geholt. Die freundliche Servicefrau am Servicepoint im Leipziger Bahnhof hatte ich zudem gebeten, die Verspätung meines ICE von Erfurt nach Leipzig auf der Fahrkarte genauestens zu dokumentieren.

Durch „Störungen im Betriebsablauf“ war mein Zug etwa 15 Minuten später in den Leipziger Bahnhof eingerollt als fahrplanmäßig vorgesehen.

„Der ICE 1608 nach Berlin Gesundbrunnen konnte nicht…“ – der Schaffner formulierte es, als würde es sich um eine ungeduldige alte Dame handeln – „…auf uns warten.“
Der nächste relevante Zug nach Berlin folgt eine knappe Stunde später.

Ein freudiges Aufflackern in meinen Augen. Denn 60 Minuten sind die magische Grenze. Ab einer Stunde Verspätung gibt es Entschädigungszahlungen von der Bahn.

Das weiß aber auch die Bahn selbst.
Wie durch ein gewaltiges Wunder steht der Folgezug nach Berlin (eine knappe Stunde später) überpünktlich am Bahnsteig 11 bereit. Auf die Sekunde genau verlässt er den Leipziger Bahnhof um 15.51 Uhr. Überpünktlich, zehn Minuten vor Fahrplanzeit, erreicht der ICE Berlin Südkreuz, Hauptbahnhof und schließlich Berlin Gesundbrunnen.

Achtung, nochmal in Slowmotion: Zeeeehhhhhnnnnn Miiinnnuuuutteeeen VOOOOOOOOOOORRRR Faaahhrrplaaaann…

In einem Tonfall der Stolz, Keckheit, Überschwang und Hinterlist geschickt zu kombinieren weiß, trällert die Zugbegleiterin uns Fahrgästen entgegen: „Jaaah, wir können auch mal anders!“.

Die 60 Minuten Entschädigungsgrenze ist futsch. Mit meiner Gesamtverspätung von 55 Minuten ab Erfurt  kommt die Bahn wieder einmal davon und hinterlässt ein eigenartiges Gefühl von Verarschung…
Wieso war es plötztlich möglich, die ICE-Strecke von Leipzig nach Berlin quasi mit links in unterdurchschnittlicher Zeit zu absolvieren?*

*Texten, die mit einem Fragezeichen enden, wird nachgesagt, den Leser mit einer angenehm zwirbelnden Grundspannung zurücklassen zu können – auch wenn der Autor bislang keine geeignete Antwort parat hat. So soll es sein. Eine Fortsetzung aus meinem Bahnfahrerleben folgt bestimmt.

15, Februar, 2009

Hoch oben (eine Geschichtenidee)

Der Geistliche schleppt sich die klobigen, steinernden Stufen des gigantischen barocken Kirchengebäudes hinauf. Seine weiße, ein wenig zu lang geratene Kutte zerrt mit jedem Schritt an seinen Knien. Die Knochen schmerzen.

Es sind über 250 hohe, schwere Steinstufen (er hatte sie einmal gezählt) vom unteren Kirchenschiff hinauf in die Kanzel hoch über den Holzreihen.

Einer seiner Vorgänger, er gab sich selbst den Namen Pius Maximus, betrachtete die Kanzel als „Quelle der gesprochenen Heiligkeit und Offenbarung“, als verbindenden Ort zwischen Gottesgleichheit und weltlicher Existenz als predigendes Sprachrohr seiner Heiligkeit (so hatte sich Pius Maximus seinerzeit auszudrücken vermocht; seine Worte sind in den Institutsschriften der anliegenden Kellerbibliothek nachzulesen). Daher sah er es als notwendig an, symbolische Kraft walten zu lassen und die Kanzel hoch oben, bald unter das kuppelartige Dach, weit über den Menschen, einbauen zu lassen. Wie die Sonne sollen damit die  Worte des Predigers im gesamten Kirchenraum scheinen und von den Zuhörern gespannt aufgefangen werden und wirken.

Völliger Quatsch, denkt sich der Geistliche und verflucht die vielen schweren steinernden Stufen.
Doch die Kanzel selbst ist des Aufstiegs Mühe wert. Sie ist groß und geräumig und daher auch für korpulentere Menschen wie ihm geeignet. Der Kanzelkorpus ist aus massivem, hellem Stein, kunstvoll ornamental gestaltet, mit Engeln und Blumenmustern.

Nun steht er da, hat sich erholt von den Stufen hinauf, holt tief Luft und setzt zum ersten lauten Wort an. Es hallt hoch oben nahe der Kuppel. Die Akustik, denkt er sich, die ist vorzüglich, das hatte sein Vorgänger gut bedacht. Nur wäre es auch besser gewesen, wenn man von der Kanzel hier hoch oben auch hinunter in den Kirchenraum zu den Zuhörern sehen könnte. Die Kanzel war schlicht zu hoch, der Geistliche erblickt nur die gegenüberliegende Turmwand, selbst wenn er sich weit genug vorbeugte.

Aber die Luft hier oben ist auch nicht schlecht, denkt er sich und spricht einfach weiter.

M.H.

12, Februar, 2009

Schmalspurblogging

Wir müssen den Gürtel enger schnallen. Wir haben Krise!

oder

Der große träge sprechdose-Blog hat einen kleinen Bruder bekommen, der besser in die kleinen Ritzen des täglichen Lebens passt:

Ab sofort findet Ihr auf dieser Seite ——> DORT rechts ——–> in unbestimmter Frequenz 140-Zeichen-Kognitions-Nuggets!

Wer es direkter mag, kann sich auch direkt an www.twitter.com/sprechdose wenden.

17, Januar, 2009

Change

Am Dienstag bekommt die Welt bekommen die USA ganz offiziell ihren neuen Präsidenten, Barack Obama.

Bereits vor der Wahlentscheidung im November 2008,  galt Obama als nie dagewesener Politikstar, Weltverbesserer,  Repräsentant der geschundenen U.S.-amerikanischen Unterschicht sowie der schwarzen Bevölkerungsgruppen. Obama gilt bereits zu dieser Zeit als geschichtsträchtige Figur.

Shepard Faireys Plakate von Barack Obama sind in diesem Zusammenhang in den USA zu echten Ikonen des historischen Wahlkampfs geworden.

obama

Nun darf jeder ein Obama sein, dank schneller virtueller Spielerei:

obamamarc

CHANGE Your Appearance!

http://obamiconme.pastemagazine.com/

8, Januar, 2009

Sei Kaufmann

Medien sind nichts anderes als Fischstäbchen.

1, Januar, 2009

2009

Erst SAUFEN, dann LAUFEN!

27, Dezember, 2008

Im Schwimmbecken…

…im klar-blauen Chlorwasser schiebt sich ein runder Mann wie eine baggernde Seerobbe durchs Wasser…

…das Haar vieler Frauen wird erstaunlicher Weise nicht nass: sie recken ununterbrochen ihr Köpfchen aus dem Wasser und weichen jedem Tropfen gekonnt aus…

…es gibt Schwimmmuttis, die haben das durch soziale Praxis optmierte Talent, sich immer im Weg schnellerer Schwimmer wiederzufinden…

…abseits des Beckenrandes erwärmen sich zwei ganz tolle Hirsche über zwanzig Minuten mit aufdringlichen Armruderbewegungen, Sit-ups, Hüftseitenhebern und Popokreisern…

…der Bademeister verbietet Mutter Ingrid, die Verwendung von Schwimmflossen im Schwimmerbecken durch ihre Tochter; er sei ja auch Taucher, aber Badeordnung sei Badeordnung…

…es gibt ein Wesen im Schwimmerbecken, das solch erheblichen Mundgeruch sein Eigen nennen darf, dass man es sogar durch das Wasser riecht (wenn man vorbei schwimmt) – oder es sind die Füße…

…Eiserne Regel zur Hemmung eines reibungslosen Schwimmablaufs: >>Bist Du eine langsame Schwimmqualle, immer schön in der Mitte schwimmen! Zur Optimierung dieser Regel wird empfohlen sich mit gleichartigen Schwimmquallen insofern zusammenzutun, als dass in einer Linie, nebeneinander,  im Gleichtakt geschwommen gefloatet wird.<<

…Menschen gehen gerne in die Schwimmhalle, um sich dann eine Schwimmbrille auf den Kopf setzen zu können, sich effektvoll mit Wasser zu benetzen und sich anschließend atemberaubend authentisch an den Beckenrand zu hängen/stellen/kleben – am besten so lange wie möglich und bestmöglich im Kollektiv in einer Reihe (sollen die Schwimmer doch sehen, wo sie ihre Beckenwende machen). Gerne gesehen sind in diesem Zusammenhang auch beschwingte Leichtkörperübungen wie Fußspringbrunnen, Schulterkreisen (natürlich bei ausgestreckten Armen! Wie denn sonst?) und solche körperlichen Crossover-Geschichten zwischen Mann und Frau (ihr wisst schon).

…Chlorwasser hat meine Haare zu einem Haufen Stroh gemacht. Vielleicht doch eine Badekappe nächstes Mal – und einen Elektroschocker und einen kleinen Knüppel…

24, Dezember, 2008

Scheinnachten

„Eine glückliche Seele, das ist wahre Religion.“

tibetischer Mönch

Also, her mit den Geschenken… ;-)

26, September, 2008

Moderne Stadtpoesie

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LOOK UP

YOUNG MAN,

LOOK UP

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6, September, 2008

Da fragt man sich jetzt mal ganz grundsätzlich… II

Heute vormittag war ich in ein semi-philosophisches Gespräch verwickelt.

Dabei stellte ich fest, dass ich nicht sehr viel halte von der Spezies ‘Mensch’ im Allgemeinen und dass ich den Glauben an unser angeblich hochkultiviertes Gesellschaftswesen verloren habe.

Warum, wurde ich gefragt, wie käme ich zu diesem Schluß?

Circa 7 Stunden später fand ich auf diese Frage eine klare, direkte, unmißverständliche Antwort:

Im Supermarkt werden bereits Weihnachtsstollen angeboten.