15, Februar, 2009...3:53

Hoch oben (eine Geschichtenidee)

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Der Geistliche schleppt sich die klobigen, steinernden Stufen des gigantischen barocken Kirchengebäudes hinauf. Seine weiße, ein wenig zu lang geratene Kutte zerrt mit jedem Schritt an seinen Knien. Die Knochen schmerzen.

Es sind über 250 hohe, schwere Steinstufen (er hatte sie einmal gezählt) vom unteren Kirchenschiff hinauf in die Kanzel hoch über den Holzreihen.

Einer seiner Vorgänger, er gab sich selbst den Namen Pius Maximus, betrachtete die Kanzel als „Quelle der gesprochenen Heiligkeit und Offenbarung“, als verbindenden Ort zwischen Gottesgleichheit und weltlicher Existenz als predigendes Sprachrohr seiner Heiligkeit (so hatte sich Pius Maximus seinerzeit auszudrücken vermocht; seine Worte sind in den Institutsschriften der anliegenden Kellerbibliothek nachzulesen). Daher sah er es als notwendig an, symbolische Kraft walten zu lassen und die Kanzel hoch oben, bald unter das kuppelartige Dach, weit über den Menschen, einbauen zu lassen. Wie die Sonne sollen damit die  Worte des Predigers im gesamten Kirchenraum scheinen und von den Zuhörern gespannt aufgefangen werden und wirken.

Völliger Quatsch, denkt sich der Geistliche und verflucht die vielen schweren steinernden Stufen.
Doch die Kanzel selbst ist des Aufstiegs Mühe wert. Sie ist groß und geräumig und daher auch für korpulentere Menschen wie ihm geeignet. Der Kanzelkorpus ist aus massivem, hellem Stein, kunstvoll ornamental gestaltet, mit Engeln und Blumenmustern.

Nun steht er da, hat sich erholt von den Stufen hinauf, holt tief Luft und setzt zum ersten lauten Wort an. Es hallt hoch oben nahe der Kuppel. Die Akustik, denkt er sich, die ist vorzüglich, das hatte sein Vorgänger gut bedacht. Nur wäre es auch besser gewesen, wenn man von der Kanzel hier hoch oben auch hinunter in den Kirchenraum zu den Zuhörern sehen könnte. Die Kanzel war schlicht zu hoch, der Geistliche erblickt nur die gegenüberliegende Turmwand, selbst wenn er sich weit genug vorbeugte.

Aber die Luft hier oben ist auch nicht schlecht, denkt er sich und spricht einfach weiter.

M.H.

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